"Es ist nicht so, dass wir uns nicht trauen,
weil die Dinge kompliziert sind. Weil wir uns
nicht trauen, werden die Dinge kompliziert."
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Gedichte

Die Straße der Tränen

Von Sacinandana Swami

Einleitung

Wie beschreibt man tiefe spirituelle Verwirklichungen, ohne dass sie trivial klingen? Die Worte unserer Welt können höchstens Erfahrungen in dieser Welt beschreiben; niemals transzendentale Erkenntnisse. Ich habe das Gefühl, Poesie ist die Antwort. Poesie kommuniziert mittels Analogien, Hinweisen, unausgesprochenen Wahrheiten, indirekten Anspielungen und mehr als alles andere, mittels Gefühlen. So tragen uns die Bilder, die beim Lesen eines Gedichtes auftauchen, viel weiter als normale Beschreibungen. Am Ende meines alljährlichen Retreats fragte ich mich, wie ich am besten einige meiner Erfahrungen mitteilen könnte und plötzlich kam mir dieses Gedicht in den Sinn. In diesem Gedicht erleben wir im Gespräch zwischen einem enttäuschten, zweifelnden Schüler und seinem verwirklichten, demütigen Guru, wie ein tiefes Geheimnis offenbart wird. Ich hoffe, liebe Leser, dass es euch hilft.

Die Straße der Tränen

Der enttäuschte Schüler spricht schweren Herzens:
„Wer kann sagen, ich hätte es nicht versucht?
All die Mantras, die ich gechantet habe…
All die Gelübde, die mich so viele einsame Nächte wachhielten…
All die Pilgerreisen, Opfer, heiligen Bäder in eiskaltem Wasser…
Ganz zu schweigen vom ständigen Ignorieren der Forderungen meines Geistes und meiner Sinne,
das zu tun, was sie am liebsten haben!
Das Ergebnis?
NICHTS!
Alles, was es mir bis jetzt gebracht hat, ist Verzweiflung.
Die alte Leere im Herzen ist nur größer geworden!“

Der Guru erwidert:
„Scheinbar hast du dein Bestes getan,
um zum heiligen Paar zu gelangen.
Doch hast du jemals versucht, etwas zu tun,
damit sie zu dir kommen können?
Hast du schon
deine Straße für sie gebaut?
Die Straße der Tränen?“

Der Schüler:
„Die Straße der Tränen?
Was für Tränen?“

Der Guru:
„Tränen der Seele.
Es gibt verschieden Arten von Tränen –
ˋTränen des Körpersˊ
weinen wir bei physischem Schmerz;
Diese Tränen sind salzig.
ˋTränen des Geistesˊ
weinen wir bei emotionalen Verletzungen;
Sie schmecken bitter.
Und es gibt Tränen,
die aus der Seele kommen,
wenn sie zu ihrem einzigen wirklichen Bedürfnis erwacht.
Das Bedürfnis der Seele ist es, die eine Beziehung einzugehen.
Diese Tränen schmecken unbeschreiblich süß!

Diese Straße der Tränen ist auf keiner Karte verzeichnet.
Sie beginnt in deinem Herzen.
Doch sie wirkt so anziehend auf das göttliche Paar,
dass es nicht einmal daran denken kann, sie nicht zu betreten.
Schon der Beginn des Baus dieser Straße
löst in ihnen das Gefühl aus, zu dir kommen zu müssen!“

Der Schüler:
„Braucht man viele Tränen für diese Straße?
Ich habe schon all meine Tränen für andere Dinge verbraucht.
Ich bin innerlich völlig leer.
Wie kann ich jemals diese Straße bauen?“

Der Guru enthusiastisch:
„Keine Sorge!
Es sind Ozeane von Tränen in deinem Herzen eingeschlossen.
Du musst nur lernen,
sie auf das richtige Ziel zu lenken...
Dann werden sie befreit.
Doch wie es vor dem Regenguss
einen Blitz gibt,
muss eine göttliche Offenbarung stattfinden –
die goldene Radha und der
wolken-blaue Krishna
müssen im Herzen erscheinen.
Dann sprudelt das Wasser hervor.
Süße Tränen der Sehnsucht nach dem Herrn,
den du einst aufgegeben hast.“

Der Schüler:
„Ein Weiser sagte mir einmal:
ˋIch baue meine Straße...ˊ
Jetzt verstehe ich, was er meinte.
Aber wer oder was kann einen ekstatischen Regenguss auslösen?“

Der Guru:
„Es hängt nicht von dir allein ab.
Es ist das Weinen des Herrn nach uns,
das diese Monsunflut freisetzen wird.“

Plötzlich wendet sich der Guru ab
und verlässt rasch den Schüler.
Auf dem leeren Platz des Gurus
findet der Schüler eine glänzende Pfauenfeder
und eine goldene Campak-Blume, die duftet,
als gehörte sie Besuchern aus einer anderen Dimension.
Und dort ist auch ein Zettel:

„Baue die Straße der Tränen –
sobald wie möglich!“

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