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macht den Unterschied."
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Tagebücher von Sacinandana Swami

Aus meinem Herzen - Von Gott geliebt (Oktober 2007)

Seit meinem gesundheitlichen Zusammenbruch bin ich mit einer Vielzahl von Ärzten und Heilkundigen in Kontakt gekommen, von denen jeder unsere Diskussion immer auf dasselbe Thema lenkte: Wenn ich meine Gesundheit zurück erlangen möchte, muss ich meine Bedürfnisse respektieren und mir Aufmerksamkeit und Fürsorge schenken. Ich erinnere mich an einen älteren Arzt im Krankenhaus, der seinen Kopf ungläubig schüttelte, als er einen Bericht meines gewöhnlichen Tagesablaufes hörte. „Was! Keinen Urlaub? Keine Unterhaltung?“

„Aber ich liebe meine Tätigkeit“, sagte ich. Bandagen bedeckten meinen Körper und Schläuche steckten in zwei meiner Venen. „Ich führe ein glückliches Leben der Hingabe. Ein Leben der Liebe – Liebe zu Gott und meinen Mitmenschen. Ich möchte anderen helfen das beste Leben zu finden.“

Der gute Arzt antwortete schnell, seine Augen funkelten mit Leidenschaft. „Ich bin nicht gegen all das. Was denkst du weshalb ich Arzt geworden bin?“ Dann schaute er mir direkt in die Augen. „Denkst du, dass du dich kaputt machen musst, um anderen zu helfen? Nächstenliebe fängt zu Hause an. Mönch – du solltest besser anfangen dich selbst zu lieben, bevor es zu spät ist.“

Natürlich habe ich andere Menschen Jahre lang von Selbstliebe sprechen hören. Manchmal klang das Konzept richtig, aber andere Male fiel es mir als ein leerer new-age Slogan auf, oder noch schlimmer, als nackter Egoismus.

In diesem Artikel möchte ich das Konzept der Selbstliebe aus vielfältigen Perspektiven betrachten. Ich möchte mit einem Artikel von Seiner Heiligkeit Bir Krishna Goswami beginnen, der zum Nachdenken anregen soll.


Liebe dich selbst!

Das ist ein interessanter Titel für einen Krishna-bewussten Blog – „Liebe dich selbst.“
Viele Devotees haben den Eindruck, dass wir Krishna lieben und uns selbst schlecht machen sollten!

Es ist verständlich, dass sie so denken, weil es viele Aussagen gibt, die man falsch verstehen kann, wie zum Beispiel:
1. Man sollte sich selbst niedriger als das Stroh auf der Strasse erachten.
2. Die Seele ist ein Zehntausendstel so groß wie eine Haarspitze.
3. Die individuelle Seele ist winzig klein.
4. Man sollte selbstlos sein.
5. usw.

Ferner können wir Menschen begegnen, die ihre Autorität in der Bewegung für Krishna-Bewusstsein verwenden, um uns herabzusetzen, uns als nutzlos zu bezeichnen, hoffnungslos, gefallen, erniedrigt, „in maya“, Sinnenbefriediger, bhogis, usw.
Zusätzlich mögen wir uns an unsere vergangenen „wundervollen“ (vikarmischen) Tätigkeiten erinnern, und diese Erinnerung wird noch zu der ganzen Negativität beitragen. Diese Negativität kann dann in einem niedrigen Selbstwertgefühl oder sogar in Selbsthass gipfeln. Im schlimmsten Fall kann das zu einer Depression führen und unseren Enthusiasmus, Krishna zu dienen, dämpfen. Es kann dazu kommen, dass wir uns für hoffnungslose Fälle halten.
Ich schreibe über dieses Thema, weil mir viele Devotees ihren Geisteszustand geschildert haben. Wenn ich höre, was diese Devotees sagen, kommen mir Tränen in die Augen. Ich weiß, dass alle Devotees Krishna sehr, sehr lieb sind.
Selbst wenn wir ontologisch klein sein mögen – wir sind Krishna wichtig. In Krishnas Augen sind wir nicht klein.

Nehmen wir die Geschichte von Gopa Kumara, wie sie in der Brihad Bhagavatamrita erzählt wird. Krishna hatte eine solche Liebe für Gopa Kumara und sehnte sich so sehr nach seiner Gemeinschaft, dass er persönlich Gopa Kumaras spiritueller Meister wurde.

Du magst sagen: „Na ja, Gopa Kumara ist ein besonderer Devotee,“ und du hättest Recht. Aber es ist auch ein Fakt, dass Krishna persönlich die Rolle des caitya-guru in all unseren Herzen annimmt und die Mühe auf sich nimmt, uns persönlich zu unserem spirituellem Meister zu führen.

Selbst bevor wir jemals Krishna-Bewusstsein annehmen, ist Krishna in unserem Herzen anwesend. Er wartet darauf, dass wir erkennen, dass wir unser wahres Glück erst dann finden werden, wenn wir uns an ihn wenden, anstelle an seine äußere Energie. Also: Krishna betrachtet uns als signifikant und wichtig.
Als Gopa Kumara endlich zurück nach Krishnaloka geht, fällt Krishna, als er ihn empfängt, aus Ekstase in Ohnmacht. Selbst Krishnas Gefährten können die Tiefe von Krishnas Gefühlen nicht verstehen. Krishna hat dieselben Gefühle für uns.

In der Ishopanishad (Mantra 6) ist eine interessante Aussage:
„Derjenige, der systematisch alles in Beziehung zum höchsten Herrn sieht, der alle Lebewesen als seine Teile sieht und den höchsten Herrn in allem sieht, hasst nichts oder niemanden.“
Wir sind wesentliche Bestandteile von Krishna. Deshalb sollten wir uns selbst nicht hassen. Hingegen, da wir Krishna lieben sollen, sollten wir alle seine Bestandteile lieben und das beinhaltet uns selbst!

Was bedeutet es, sich selbst zu lieben?

Es bedeutet, sich vorzustellen oder auszumalen, wie man sein möchte. Vergiss die Negativität, die dich umgibt, egal ob sie von dir ausgeht, oder von anderen.

Wenn du negativ denkst, werden deine negativen Gedanken dein spirituelles Leben behindern.

Hier sind einige positive Dinge, über die du nachdenken kannst:
1. Radha und Krishna lieben mich und wollen, dass ich bei ihnen in der spirituellen Welt bin.
2. Für meine spirituellen Bedürfnisse zu sorgen, wird nicht meinen spirituellen Fortschritt behindern.
3. Für meine materiellen Bedürfnisse zu sorgen, wird nicht meinen spirituellen Fortschritt behindern.
4. Ich bin eine ewige Seele voller Glückseligkeit und Wissen!
5. Ich habe eine ewige Beziehung zu Radha und Krishna und werde diese Beziehung verwirklichen.

Verweile nicht in Situationen, in denen dich andere herabsetzen. Du bist es dir und Krishna schuldig, Situationen abzulehnen, die unvorteilhaft für dein Krishna-Bewusstsein sind und dafür vorteilhafte Situationen anzunehmen. Habe ein positives spirituelles Selbstwertgefühl!


Krishna liebt alle Seelen

Was für ein wundervoller Artikel. Erleichternd. Herzerwärmend. Ich habe gehört, dass als Maharaja den Artikel veröffentlicht hatte, er überflutet wurde von Dankesbriefen aus aller Welt. Endlich hatte es ein Swami verdeutlicht: Krishna liebt uns, ganz gleich was passiert.

Das höchste Glück im Leben ist die Überzeugung, dass wir geliebt werden, sagte Victor Hugo. Wie wahr! Ich finde, dass es wichtig ist, sich der göttlichen Liebe, die uns überall umgibt, auf jedem Schritt bewusst zu werden. Wir sind geliebte Kinder der Ewigkeit. Der Herr schaut in väterlicher Zuneigung auf uns und sehnt sich danach, uns liebevoll in die Arme zu schließen. Wie Shrila Prabhupada sagt: „Der Herr ist begieriger, uns in sein Königreich zurück zu holen, als wir es uns wünschen können.“ (S.B. 1.2.17, Erläuterung). Aber Krishna wartet nicht passiv, bis wir endlich (und durch ein Wunder) beschließen, uns an ihn zu wenden. Wenn er warten würde, bis wir den ersten Schritt machen, würden wir wahrscheinlich nie den gesunden Verstand entwickeln und ernsthaft den spirituellen Weg antreten; die drei Erscheinungsweisen haben uns zu fest in ihrem Griff und beherrschen jede unserer Bewegungen.

Was macht Krishna dann, um uns spirituell zu aktivieren? Er beginnt damit, uns seine reinen Devotees zu schicken. Wie die shruti sagt: „Die persönlichen Diener von Shri Vishnu ziehen in dieser Welt umher, um die bedingten Seelen zu reinigen...“ Shrila Baladeva Vidyabushana erläutert: „Alle sündhaften Reaktionen des Lebewesens werden zerstört, wenn es den barmherzigen Blick der höchst reinen Seelen empfängt. Durch die Gemeinschaft mit großen Seelen werden diese glücklichen Menschen standfest in spirituellen Gelübden, erlangen Entschlossenheit und werden befreit von der Täuschung der Dualität. Dadurch, dass sie die Wahrheit über mich verstehen, fangen sie an, mich zu verehren.“ (Erläuterung zur Bhagavad-gita 7.28).

Krishna schickt seine besten Devotees, damit sie uns helfen, zu beginnen und damit sie uns unterstützen.

Ein weiteres Zeichen der Liebe des Herrn ist, dass er auf barmherzigste Weise in der Form seines heiligen Namens erscheint, der von diesen reinen Seelen verteilt wird. Sein Name ist die Form des Herrn, die uns am zugänglichsten ist. Alles was wir brauchen, um ihn auszusprechen ist eine Zunge und ein bisschen Vertrauen im Herzen. Wenn wir das haben, wird Krishna in seiner glorreichsten Form erscheinen und unser Herz reinigen, damit er letztendlich in seiner wunderschönen transzendentalen Gestalt mit seinem anziehendem lächelndem Gesicht darin Platz nehmen kann.

Noch ein weiteres Zeichen der Liebe Krishnas für die bedingten Seelen ist, dass er persönlich in der Form von Chaitanya Mahaprabhu erscheint, um das seltenste Geschenk der reinen Liebe zu sich selbst zu verteilen. Shri Chaitanya Mahaprabhu beachtet unsere Disqualifikation nicht. Vielmehr ist er trunken mit ekstatischer Liebe zu Krishna und möchte diese Liebe an alle verteilen, ohne Worte zu verlieren. Wenn ein reicher Mann berauscht ist, kann man ihm fast alles einreden und es sofort bekommen.

Hier ist ein wunderbarer Vers über die außergewöhnliche Barmherzigkeit des goldenen Herrn: „Er beachtet nicht, ob jemand qualifiziert ist oder nicht. Er sieht nicht, wer der seine und wer ein Außenseiter ist. Er erwägt nicht, wer empfangen sollte und wer nicht. Er erwägt nicht, ob sein Geben zur richtigen Zeit geschieht oder nicht.

„Der Herr gibt sofort den Nektar des reinen hingebungsvollen Dienstes, der schwer zu erlangen ist, selbst wenn man die Botschaften des Herrn hört, die Altargestalt sieht, Ehrerbietungen darbringt, meditiert, oder eine Unzahl anderer spiritueller Übungen befolgt. Dieser höchste Herr, Shri Gaurahari, ist meine einzigste Zuflucht.“ (Chaitanya chandramrita, Text 77).


Bist du in der Lage, etwas zu erwidern?

Was ist deine Reaktion auf diese Barmherzigkeit? Bist du imstande, darauf einzugehen?

Es wird gesagt, dass unser Charakter daran gemessen werden kann, wie fähig wir sind, Liebe zu erwidern. Mit anderen Worten, wie viel Dankbarkeit spüren und zeigen wir?

Jemand, der ohne Bedingung liebt – wie Eltern zum Beispiel – wird als ein erstklassiger Liebhaber bezeichnet. Jemand, der die Liebe eines anderen im selben Ausmaß erwidert, wie er sie empfängt, ist ein zweitrangiger Liebhaber. Solche Liebe ist Handelsliebe. Jemand allerdings, der gar nicht in der Lage ist, Liebe zu erwidern – der nicht einmal ein kleines Zeichen der Dankbarkeit zeigen kann – ist ein armseliger Liebhaber. Die Undankbaren haben noch nicht einmal den ersten Schritt des universellen Tanzes, der uns mit dem Herrn verbindet, getan. Königin Kunti sagte deshalb, dass eines Menschen Charakter an seiner Fähigkeit, Dankbarkeit zu zeigen, gemessen werden kann.


Der erste Schritt

Nur wenn wir tief darüber meditieren, dass wir geliebte Kinder des höchsten Herrn sind, können wir andere bedingungslos lieben. Warum? Weil das Verständnis, dass wir geliebt werden, uns mit Liebe erfüllt.

Das Problem, das Menschen haben, die sich nicht geliebt fühlen ist, dass sie sich mit der Liebe der Menschen um sie herum anreichern möchten, aber sie geben ihre Bedürftigkeit fast nie zu. Sie verstecken ihre Leere und Bedürfnisse vor der Außenwelt und spielen stattdessen den starken autonomen Helden oder den unermüdlichen und selbstgenügsamen Sozialarbeiter.

Tief im Inneren solcher Menschen schreit jedoch ein vernachlässigtes, nach Liebe hungerndes Kind. Um das Verlangen des Kindes zu stillen werden sie – um ein dramatisches Wort zu wählen – Liebesvampire. Bei berühmten Entertainern, aber auch bei spirituellen Führern, konnte beobachtet werden, dass sie sich nur an ihr Publikum wenden, um Liebe, Bewunderung, Dankbarkeit oder andere Formen der Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Inspiration, Unterhaltung oder Hilfe, die sie anbieten ist, in anderen Worten, behaftet mit ihrer verdeckten Selbstsucht und kann deshalb nie rein oder wirklich inspirierend sein.


Dem Schatten begegnen

Die Hindernisse, denen wir auf dem spirituellen Pfad begegnen, werden von einer Vielzahl spiritueller Traditionen der Menschheit ausführlich beschrieben. Die meisten listen Lust, Gier, Zorn, Neid, und viele, viele andere peinliche Formen der Selbstsucht als die schrecklichen Feinde, die den bestrebten Transzendentalisten plagen, auf.

Ich habe viele Menschen getroffen, die von ihren Schwächen gequält werden, und sogar noch mehr von dieser inneren Stimme, die sie ständig wegen all ihrer größeren und kleineren Fehler kritisiert. In manchen Menschen ist diese Stimme so beharrlich geworden, dass sie sie zum Abgrund der Angst, Schuld und Zorn geführt hat – oder noch schlimmer zur Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit und sogar Verzweiflung. Diese Menschen glauben der nörgelnden Stimme und haben sich ein persönliches Mantra erschaffen: „Ich bin nicht gut genug. Ich werde niemals etwas richtig machen. Ich habe keine Chance. Ich bin sicher nicht liebenswert. Im Gegenteil, mich kann man nur hassen.“

Was ist mit diesen Menschen passiert, die so zuversichtlich ihre Reise in das Königreich Gottes begonnen hatten? Nun, sie haben ihren Schatten gesehen – und sie haben sich damit identifiziert.

Kennst du die Geschichte von dem Mann, der seinen Schatten sah und anfing, ihn zu fürchten, weil er ihm überall hin folgte, sogar ins Badezimmer? Er rannte und rannte und rannte, um ihn los zu werden, aber er konnte ihn nie hinter sich lassen. Schließlich brachte er sich aus Verzweiflung um.

Ich meine, dass die Schriften uns lehren, dem Schatten mit Reife zu begegnen und gleichzeitig die Identifikation mit ihm zu vermeiden. Beispielsweise empfehlen uns die Schriften manchmal, wie wir Hindernisse wie Lust und Gier transformieren können, in dem wir sie in Kontakt mit Krishna bringen. Lust in Kontakt mit Krishna zu bringen bedeutet, diese enorme emotionale Energie dazu zu verwenden, sich spirituell wieder zu verbinden. Praktisch mag das ein Verlangen nach guter Gemeinschaft oder neuer Information über Krishna werden, oder eine Suche nach Umständen, in denen wir unsere Energie in Krishnas Dienst freisetzen können. Geht es bei Lust nicht um Verlangen und das Einsetzen von Energie? Und wenn wir das Licht von Krishnas göttlicher Gegenwart zum Schatten bringen, wird sich der Schatten auflösen.


Werde dir zuerst über den Schatten bewusst

Doch bevor wir den Schatten anders einsetzen können, müssen wir uns erst über seine Anwesenheit bewusst werden. Die Vaishnava-Tradition vergleicht das Herz mit einem Garten, in dem die wünschenswerteste Pflanze des hingebungsvollen Dienstes wächst. Uns wird gesagt, dass wir den Garten des Herzens betreten sollen und dort ein spiritueller Gärtner werden sollen – einer, der die göttliche Pflanze von dem Unkraut, das natürlicherweise um sie herum heranwachsen wird, unterscheiden kann. Wenn wir starke Zuneigung für unsere göttliche Pflanze empfinden, wird es uns leicht fallen, das Unkraut zu entfernen. Bewusst werden heißt zu lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – und die Kraft zu erlangen, das Unwichtige zu entwurzeln.

Gleichermaßen können wir lernen, dem Schatten gegenüberzutreten. Wir werden imstande sein, ohne Angst seiner Dunkelheit zu begegnen, wenn wir Licht gesehen haben. Licht bezieht sich auf das tiefe Verständnis, dass wir vom Herrn geliebt werden. Kontemplation und Bewusstheit über diese Tatsache wird uns die Kraft geben unseren Garten zu jäten. Letzten Endes verlieren wir nichts, wenn wir unser Unkraut entfernen. Vielmehr befreien wir die göttliche Pflanze, damit sie wachsen und ihre schmackhaften ekstatischen Früchte hervorbringen kann.


Man kann der Dunkelheit nicht gegenübertreten, bevor man nicht das Licht gesehen hat

Wirkliches spirituelles Leben gibt uns eine höhere Verbindung – eine lebendige Verbindung zum Herrn, in der man seine Gegenwart spürt, seine liebende Fürsorge und seine volle Unterstützung. Diese Verbindung gibt uns das Gefühl einer bedingungslosen Akzeptanz, einem universellen Gefühl der Zugehörigkeit. Ohne diese Verbindung fehlt einem einfach der Mut, dem Schatten zu begegnen. Dem Schatten zu begegnen könnte uns in die Anwesenheit all unserer uneingestandenen „Drakulas“ und „Frankensteine“ führen. Solch eine Begegnung kann intensiv sein! Deshalb können wir der Dunkelheit nicht gegenübertreten, bevor wir nicht das Licht gesehen haben.

Menschen, die nicht auf einem spirituellem Weg sind, werden im Großen und Ganzen weiterhin entweder ein Leben der Unbewusstheit führen, oder sich völlig mit ihren „schattigen“ Gästen identifizieren, die sich manchmal nicht benehmen können. Weil ihnen eine spirituelle Perspektive fehlt, halten sie den Schatten manchmal fälschlicherweise für sich selbst. Werfe das Licht der Bewusstheit auf sie und die Schatten-Gäste – Neid, eine materielle Sichtweise, lüsterne Gefühle, usw. – werden sich entweder berichtigen oder wir lernen, sie einfach zu beobachten, ohne durch ihre Albernheiten beeinflusst zu werden.


Der verdrängte Schatten

Ich möchte nochmals betonen, wie wichtig es ist, sich des Schattens bewusst zu werden. Menschen mit einem verdrängten Schatten – Menschen, die einen schweren eisernen Deckel auf ihrem ungelebtem emotionalen Leben haben – zeigen verschiedene Symptome, durch welche andere ihre Dämonen erkennen können. Denkt daran, solche Menschen müssen vor sich selbst und Gleichgesinnten gut dastehen.

Das erste Symptom von Menschen mit einem verdrängten Schatten ist, dass sie immer sehr, sehr streng mit sich – und auch anderen – sind. Sie versuchen, ihre persönliche Unzufriedenheit zu verbergen, indem sie sich in eine wuchtige Eisenrüstung kleiden, eine Rüstung die gewöhnlich aus starrer Moral erbaut wird. Dann kritisieren sie jeden in ihrer Umgebung, der nicht ihren Normen entspricht. Diese Menschen sind so angespannt, dass es ihnen unter allen Umständen schwer fällt, locker zu werden; und sie sind oft ziemlich verbittert. Ach ja, und sie sind super heftig – oder, um es mit psychologischen Begriffen zu sagen – super zornig. Zorn und Angst sind genau das Gegenteil von dem, was wir erreichen möchten: Liebe!

Es ist besser, unsere Schwächen anzuerkennen und mit ihnen aus einer Position der Stärke umzugehen. Manchmal mögen wir uns sogar dazu entscheiden, über unsere Schwächen zu lachen.

Vielleicht kennst du die aufschlussreiche Geschichte darüber, wie Shri Krishna mit Zorn umgegangen ist und uns durch seinen Devotee Satyaki etwas wichtiges gelehrt hat.


Lache über deinen Zorn

Einst ging Krishna auf eine lange Reise mit Satyaki. Weil es ihnen nicht gelang ihr Ziel vor Sonnenuntergang zu erreichen, waren sie gezwungen im Wald zu übernachten. Krishna bat Satyaki die erste Hälfte der Nacht Wache zu stehen und er würde dann die zweite Hälfte übernehmen. Nachdem er diese Bitte geäußert hatte, begab sich Krishna auf einem Bett aus Zweigen zur Ruhe, das mit einem chadar (dünne Decke) bedeckt war.

Als Satyaki Wache stand, sah er plötzlich einen streitlustigen Dämonen herannahen. Der Dämon sprach ihn mit einer heiseren Stimme an: „Hör zu, ich bin sehr hungrig. Wenn du mir erlaubst, deinen schlafenden Freund zu überwältigen und zu essen, werde ich dein Leben verschonen. Ansonsten werde ich zuerst dich umbringen und mir danach den Bauch mit euch beiden voll schlagen.“

Satyaki war erzürnt über dieses skrupellose Angebot, zückte sein Schwert und begann, den Dämon zu bekämpfen. Aber der Dämon war stärker. Wie es der Fall mit dieser Art von Dämonen ist, wurde er größer und mächtiger, als die Nacht voran schritt. Schließlich drückte der Dämon Satyaki zu Boden. Satyaki wartete auf den Todesstoß und in nacktem Terror schloss er seine Augen.

Aber nichts passierte. Nach einiger Zeit öffnete er seine Augen, nur um festzustellen, dass der Dämon auf mysteriöse Weise verschwunden war.
„Vielleicht war der Dämon nur eine Illusion,“ dachte Satyaki. „In diesem Teil des Waldes sind solche Illusionen nicht ungewöhnlich.“ Nach einiger Zeit weckte er Krishna, wie sie vereinbart hatten, und ohne den Dämon zu erwähnen, ging er schlafen.

Am nächsten Morgen, als Satyaki aufwachte und die Sonne schien, erinnerte er sich an das, was er für einen Albtraum hielt und erzählte Krishna davon. „Oh,“ sagte Krishna, „du hast einen Dämonen gesehen, der dann verschwunden ist? War es der hier?“ Mit diesen Worten zog Krishna einen kleinen Dämonen aus seinem Hüftgewand hervor, der genauso aussah, wie der Dämon, den Satyaki während seiner Wache in der Nacht bekämpft hatte. Dann wurde Krishna ernst. „Hör gut zu, Satyaki – das ist dein Zorn. In dem Moment, indem du ihm Aufmerksamkeit geschenkt hast, wurde er größer. Identifiziere dich niemals damit. Betrachte ihn einfach und verstehe, dass du mit ihm nicht identisch bist, dann wird er letzten Endes verschwinden.“


Eine seltsame Begegnung mit dem weißen Wolf

Vor zwei Wochen habe ich ihn das erste Mal getroffen. Er hatte mich auch bemerkt und ist dann schnell wieder im Wald verschwunden. Zwei Tage später bin ich ihm wieder begegnet. Diesmal kam er näher heran. Als ich nur zehn Schritte von ihm entfernt war, blieben wir beide stehen und schauten einander an. Ich fühlte mich etwas unbehaglich aufgrund meiner Nähe zu ihm. Er muss sich ähnlich gefühlt haben, denn ein tiefes, warnendes Grollen kam aus dem Inneren seiner Brust. Dann „Rooaaaaaaarr“. Ich hob meine beiden Wanderstäbe hoch. Wenn er einen Kampf wollte, konnte er ihn haben. Aber dann lächelte ich.

Es war klar, dass er abwog zwischen Kampf und Flucht. Glücklicherweise entschied er sich für keines der beiden, sondern blieb noch etwas in meiner Nähe, friedlich! Er ist ein schöner weißer Wolf.

In diesem Wolf konnte ich meinen Schatten sehen, meinen eigenen Wolf. Ich habe gelernt, dass ich keine Angst vor ihm haben muss, genau wie mit meinem Schatten. Ich muss jedoch respektvoll sein. In der Natur können Tiere deine Angst riechen und eventuell angreifen. Dasselbe gilt für den Schatten. Wenn wir ihm zu viel emotionale Aufmerksamkeit geben, entweder durch Angst, Schuld oder eine andere Art der Identifikation, ermächtigen wir ihn. Wenn wir stattdessen spüren, dass wir zu Krishna gehören und dass wir immer mit ihm verbunden sind, befähigen wir uns dazu, unsere ungesunden Abhängigkeiten zu durchbrechen, einschließlich unserer Abhängigkeit von jeglichen uneingestandenen Teilen unseres Selbst. Von dort aus können wir wachsen, indem wir lernen, loszulassen.

Meine Begegnung mit dem weißen Wolf war interessant. Erstens sind weiße Wölfe extrem selten, und zweitens fand ich es sehr bedeutsam, wie er mit mir umgegangen ist.

Im sechzehnten Jahrhundert fing ein Herzog eine schwangere Wölfin und hielt sie in einem eisernen Käfig in seinem Schloss am Rhein in der Nähe von Mainz gefangen. Nachdem sie ihre zwei Welpen zur Welt gebracht hatte, verschwand sie. Eines morgens fanden die Leute den Mann, der sich um sie gekümmert hatte mit aufgerissener Kehle neben dem leeren Käfig. Die Wolfsmutter war mit ihren Kleinen in die Freiheit entflohen.


Die drei Ebenen der Selbstliebe

Auf der ersten Ebene, der unreifen Ebene, lieben Menschen sich auf eigennützige Weise, obgleich sie dazu tendieren ihren Egoismus zu verbergen. Als Gruppenmitglied, oder in irgendeiner Beziehung, geben sie ihr Bestes, um andere zufrieden zu stellen. Oft sind sie motiviert durch den Wunsch, anerkannt zu werden, und Liebe und Aufmerksamkeit von anderen zu bekommen. Aber sie gestehen sich ihre Bedürfnisse nicht ein, weshalb ich sage, dass sie dazu neigen, ihre Versuche geliebt zu werden, zu verstecken. Sie agieren nach dem Prinzip „Ich diene dir, deshalb solltest du mich lieben.“ Vieles was im Namen von Treue zu einer Person oder Gruppe geschieht, gründet in Wirklichkeit auf unserer Angst, nicht geliebt zu werden, wenn wir andere enttäuschen, Angst, unsere spirituelle Reise an zu treten, Angst wichtige Fragen zu stellen, und der Angst vor Ehrlichkeit.

Ja, hinter diesen Ängsten verbirgt sich ein rein selbst-dienliches, nach Liebe hungerndes Kind, das versucht, auf unreife Weise Liebe zu bekommen.

Die zweite Ebene ist eine Stufe höher im Vergleich dazu. Menschen auf der ersten Ebene werden oft über das Leben verbittert oder sind enttäuscht von denen, die sie versuchen zu „bestechen für Liebe“. Sie sind enttäuscht von der Tatsache, dass andere Menschen ihr riesiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht zu erfüllen scheinen. Zu diesem Zeitpunkt verlassen sie Beziehungen und Gruppen und haben das Gefühl, dass sie sich jetzt „selbst lieben“ sollten. Sie definieren solch eine Liebe als sich nur um die eignen Bedürfnisse zu kümmern. Sie führen ein „nur ich“ Leben, das vollkommen klein und begrenzt ist. Sie fangen an, nach ihrer eigenen Bedeutsamkeit zu suchen, indem sie Dinge ansammeln, die Prestige bringen – Besitz zum Beispiel – und sie suchen Unterhaltung. Mit der Zeit entwickeln sie eine harte Schale um sich und leiden jämmerlich.

Auf der dritten Ebene lernen Menschen, in reifer Art zu lieben. Sie wissen, dass sie Teil eines größeren Bildes sind, genannt „das Leben“. Sie sorgen für ihre Bedürfnisse und, wann immer es geht, auch für die Bedürfnisse anderer.

Sie sind nicht beunruhigt von ihrer eigenen Menschlichkeit. Nein, sie sind ein spiritueller Teil Gottes mit menschlichen Bedürfnissen. Ein Freund hat es so ausgedrückt: „Wir sind alle Teile Gottes, die auch auf die Toilette gehen müssen.“ Solche Personen können mit der Tatsache leben, dass sie klein sind, aber gleichzeitig einzigartig wunderbar in den Augen Gottes. Sie können sich frei bewegen zwischen ihrer Menschlichkeit und ihrer Göttlichkeit. Sie wissen, dass der Herr sie in beiden Aspekten versteht und liebt. Sie geben ihr Bestes, um den Herrn und seine Devotees zufrieden zu stellen und werden nicht durch die unvermeidlichen Fehler gestört, die sie im Leben machen. Sie verstehen, dass die Eigenschaften, die sie dazu antreiben diese Fehler zu begehen, zeitweilige Fremde sind, die momentan Raum im Haus ihres Lebens beanspruchen. Solche Menschen verspüren nicht das Bedürfnis, ihre menschlichen Schwächen mit dem schweren Eisendeckel der Verdrängung zu unterdrücken. Sie befassen sich mit ihrem Schatten von einer Position der Stärke, weil sie wissen, was was ist. Und dadurch, dass sie täglich ihre spirituelle Seite nähren, vergrößern sie das Licht ihres Krishna-Bewusstseins.

Menschen auf der dritten Ebene sind bereit, die beschränkte Welt der unreifen Selbstliebe zu verlassen. Sie wissen, dass jegliches Gute in diesem Universum von dem echten Wunsch für den Nutzen anderer zu handeln kommt, und jegliches Böse von Egoismus. Da sie dies wissen, wiederholen sie nicht die Fehler, die das Bewusstsein der ersten und zweiten Ebene hervorrufen. Während sie ihr Leben in tief erfüllter göttlicher Verbindung leben, mit einem Herzen, das mit Dankbarkeit und Liebe überströmt, sorgen sie sich weise um ihre eigenen Bedürfnisse, wohl wissend, dass sie geliebte Kinder Gottes sind.


Jemand der Gott liebt, liebt sich selbst

Selbstliebe muss sich manchmal darin äußern, dass wir unseren Bedürfnissen und Gefühlen Aufmerksamkeit schenken, damit wir ohne Störung spirituellen Fortschritt machen können. Uns selbst zu lieben kann manchmal auch bedeuten, dass wir dankbar werden für das einzigartige Geschenk der menschlichen Lebensform, die immerhin ein wunderbares Boot ist, mit dem wir den Ozean der Geburt und des Todes überqueren und unser ewiges spirituelles Heim erreichen können. Uns selbst zu lieben kann bedeuten, alle Aspekte unseres Wesens als Geschenke Gottes zu respektieren. Würdest du ein Geschenk schlecht machen, das dir jemand, den du liebst, gegeben hat? Uns selbst zu lieben kann bedeuten, unserer körperlichen Gesundheit und emotionalen Stabilität die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Selbstliebe kann auch mit sich bringen, dass wir aufhören, den Schatten zu ignorieren und mit unseren Problemen auf reife Art und Weise umgehen.

Shrila Bhaktivinode Thakura hat ein interessantes Gebet verfasst, das „Gebet eines Gottesliebenden“. Nachdem er für täglich anwachsende Liebe zu Shri Chaitanya Mahaprabhu, Shri Krishnas Dienst, dem Dienst zu den Vaishnavas, dem Singen von Krishnas heiligen Namen und denjenigen, die beim Herrn Zuflucht genommen haben und die Neigung haben, ihm zu dienen, gebetet hat, wendet sich Shrila Bhaktivinode Thakura direkt an sich selbst und betet für Selbstliebe.

„Lass mich auch mich selbst lieben, der Krishna zugeneigt ist, damit ich Hingabe zu ihm erlangen kann.“ (Erläuterung zu Bhajanamritam, zitiert in Bhaktivinoda Vani Vaibhava, Band 2 und 3, S. 408).

Als ich dieses „Gebet eines Gottesliebenden“ zuerst gelesen hatte, war ich überrascht, aber als ich den Text wieder und wieder las, wurde mir klar, dass es nicht anders sein konnte. Ja, ich bin Krishna zugeneigt, genau wie viele andere, die beim Herrn Zuflucht genommen haben. Und ja, ich habe erfahren, dass der Herr denjenigen, die sich an ihn wenden, sehr zugeneigt ist.

Im Nektar der Hingabe hören wir, dass Krishna eine zunehmende Tiefe der Dankbarkeit gegenüber Draupadi empfindet, die sich in ihrer Stunde der Not an ihn wandte, indem sie seinen heiligen Namen ausgerufen hat. Er kann so einen Hilferuf niemals vergessen. Der Nektar der Hingabe sagt uns, dass Krishna Draupadi dankbar ist für ihr Vertrauen in ihn. Shrila Prabhupada weist darauf hin, dass, wenn Krishna grenzenlos dankbar ist, nur weil sich jemand einmal an ihn gewendet hat, wie dankbar muss er dann einem Devotee sein, der täglich seinen heiligen Namen singt? Die Antwort ist, er ist grenzenlos dankbar.


Respektiere die Reise

Es ist wichtig, uns als Reisende zu respektieren. Ja, wir mögen noch Probleme haben, aber wir befinden uns auf dem Weg und so wie wir dem Herrn immer näher kommen, wird sein Licht jegliche dunkle Schatten vertreiben, die noch übrig sind. Lass mich der Reise meine volle Aufmerksamkeit schenken, nicht den Schatten. Der einzig mögliche Fehler, den wir machen können, ist zu vergessen, dass wir uns in einem Entwicklungsprozess befinden, oder in unserem Leben Gott zu spielen, indem wir uns einbilden, der Kontrollierende zu sein. Spirituell Reisende sollten immer die Haltung eines Anfängers einnehmen, damit sie sich auf jeden Tag freuen können, mit einem Gefühl der tiefen Wertschätzung und Dankbarkeit für den höchsten Herrn, der alles möglich macht. Er hat uns die Straße gegeben, die Wegweiser entlang des Pfades, unsere Nahrung, die Kraft unserer Beine zu laufen, und all die wundervollen Gelegenheiten, die wir haben. Vermeide gedankenlose Routine beim Folgen des Pfades.

Jeden Tag sollten wir ein wenig Zeit vorsehen, um unseren Fortschritt zu zelebrieren. Wir können auf den Tag zurückschauen und uns an die Dinge erinnern, die geklappt haben. Heute haben wir mit Intelligenz, Worten und Taten gedient. Heute haben wir einem anderen Devotee geholfen und das Leben eines anderen auf positive Weise beeinflusst. Während wir solche kleinen Siege und Erfolge zelebrieren, sollten wir bedenken, dass alles, was passiert ist, nur möglich war, weil wir eine Investition der Barmherzigkeit von oben empfangen haben.

Reisende zum Königreich Gottes lernen, Mitleid für sich selbst zu haben. Sie mögen Fehler gemacht haben – unbeabsichtigte Versehen, die wegen ihrer vergangenen Gewohnheiten passiert sind. Was können sie tun? Fehler sind die Säulen zum Erfolg, wenn wir etwas aus ihnen gelernt haben.

Reisende zum Königreich Gottes wissen, dass sie Körper, Geist und andere Begleiter brauchen, um erfolgreich zu sein; deshalb pflegen sie regelmäßig ihre Beziehung zu diesen Dreien – besonders ihre Beziehungen mit anderen. Sie wissen, dass solche Personen die Geschenke des Herrn sind.


Wie ich persönlich lerne, mich selbst zu lieben

Als sannyasi Mönch ermutigt mich die Tradition, immer in dem Bewusstsein zu verweilen, dass ich eine ewige Seele bin mit einem ewigen Heim in der spirituellen Welt. Ich muss zugeben, dass diese rein spirituelle Ausrichtung mich in der Vergangenheit manchmal ungeduldig machte, wenn mein Körper und Geist an die Tür meines Bewusstseins geklopft haben und erklärten, dass sie bestimmte Bedürfnisse hatten. Ich habe ihre Anliegen oft ignoriert – sogar die vernünftigen. Jetzt – nachdem mir einige harte Lektionen erteilt wurden – lerne ich langsam, Körper und Geist anders zu betrachten. Ich möchte meine veränderte Sichtweise mit euch teilen.

Die westliche Gesellschaft sieht Körper und Geist auf eine völlig falsche Art. Sie sieht sie als Teil einer Maschine für Sinnengenuss (bhoga-sharira). Aber ist der Körper wirklich eine Maschine für Genuss? Hat irgendjemand jemals anhaltenden Genuss durch den Körper gefunden?

In Wahrheit ist der Körper ein Vehikel für spirituelle Praxis und Verehrung (ein sadhana- und bhajana-sharira). Gesehen in diesem Licht, werden Körper und Geist liebenswert.


Abschließende Worte

Während ich diesen Artikel beende, möchte ich euch alle, meine lieben Leser, inspirieren, euch für eine oder zwei Minuten hinzusetzen und anzufangen, eure Programme zur Selbst-Fürsorge zu entwickeln. Malt einen Kreis und teilt ihn dann in Viertel. Das sind die vier Abteilungen der Selbst-Fürsorge – Körper, Geist, soziale Kontakte und spirituelle Entwicklung. Wir können jede dieser Abteilungen täglich aufsuchen, oder den Kreis als Ganzen und zwei Fragen stellen:

1.Wie kann ich heute diesen Aspekt meiner Existenz nähren und am besten davon Gebrauch machen?
2.Wie kann ich diese vier einzigartigen Geschenke heute benutzen, um dies zum besten Tag meines Lebens zu machen?

In meinem neuen Buch, das in Kürze erscheinen wird, „Pillars of Success“[1], habe ich ein aufregendes Kapitel über sieben Arten der spirituellen Selbst-Fürsorge geschrieben. Aber im Augenblick möchte ich euch ermutigen, mit dieser einfachen und höchst effektiven Methode der spirituellen und materiellen Selbst-Fürsorge anzufangen.

Ich wünsche euch alles Gute für dieses unglaubliche Projekt. Keineswegs betrachte ich mich als Experten für Selbst-Fürsorge. Seitdem ich jedoch die einfachen Richtlinien und Inspirationen anwende, die in diesem Artikel erwähnt werden, hat sich mein Leben bedeutsam verändert. Ich scheine mich mit einem tieferen Ort in mir zu verbinden, einem Kraftwerk für Energie und positives Denken. Deshalb war ich enthusiastisch, euch meine Entdeckungen mitzuteilen. In meiner dunkelsten Stunde, als im Krankenhaus war, hat Krishna mir viele Botschaften und hilfreiche Personen geschickt. Eine war der gute alte Arzt mit seiner provozierenden Äußerung: „Mönch – du solltest lieber anfangen dich selbst zu lieben – bevor es zu spät ist.“


Epilog – eine gesunde Balance

Ich hatte die Absicht in meinem Artikel „Von Gott Geliebt“ über die Wichtigkeit von Selbst-Fürsorge, Selbst-Respekt und Selbstliebe zu schreiben. Ein wesentlicher Punkt war: Wenn wir nicht dankbar das einzigartige Geschenk von Körper und Geist anerkennen und uns darum kümmern, können wir sie bis zu dem Punkt vernachlässigen, an dem sie zusammenfallen und uns nicht mehr als sadhana-, bhajana-, und seva-shariras (Mittel für spirituelle Praxis, Verehrung und Dienst) dienen können.

Als unerwünschte Nebenwirkung einer solchen Vernachlässigung können wir ungesunde Stimmungen, wie zum Beispiel ein niedriges Selbstbewusstsein, verschiedene Formen der Paranoia, oder sogar Hoffnungslosigkeit entwickeln.

Ein weiterer Punkt, auf den ich eingehen wollte, ist, dass Selbstliebe bedeutet, sich um all unsere echten Bedürfnisse zu kümmern – die körperlichen, die mentalen, die emotionalen und die spirituellen.

Im Bhagavatam wird gesagt, dass nur diejenigen die spirituelle Welt erreichen, die ständig mit Wohlfahrtsarbeit für andere Lebewesen beschäftigt sind (S.B. 4.12.36). Doch wie sollen wir andere lieben, wenn wir uns nicht selbst lieben? Wie können wir anderen etwas geben, das wir selbst nicht haben? Kann ein Bäcker andere mit Brot versorgen, wenn in seinem Laden das Brot alle ist?

Die meisten denken gewöhnlich, Selbstliebe sei synonym mit einem hohen Selbstwertgefühl, oder dafür da, uns mit emotionalen Belohnungen und Annehmlichkeiten, die unsere Gefühle des Mängels kompensieren sollen, zu versorgen. Aber das ist nicht unsere Definition.

Manchmal ist es nötig, einen emotional hungernden Patienten zuerst zu nähren. Es stimmt, wenn wir uns von uns selbst abwenden, können wir uns unserer persönlichen Bedürfnisse nicht völlig gewahr sein, und können deshalb auch nicht auf sie eingehen. Wenn wir ständig in Selbstkritik vertieft sind, in Ängste, Verstörtheit und Ähnlichem ist es wahrscheinlich, dass wir getrennt werden von beidem, Körper und Emotionen. Diese Trennung wird uns schließlich von unserer wahren Natur separieren.

Aber ich habe das Gefühl, dass reife Selbstliebe bedeutet, dass wir uns genügend um unser eigenes Wachstum kümmern, sodass wir dann beginnen können, für andere zu sorgen. Wir müssen uns so sehr lieben, dass wir uns nicht von uns selbst abkehren. Nur dann können wir anderen etwas von uns geben. Menschen wurde das einzigartige Geschenk gegeben, dass sie in der Lage sind, ihre Selbstzentriertheit zu überwinden und Liebe zu geben. Nur wenn unser Lebenszweck mehr beinhaltet als unser eigenes Überleben, können wir unsere vollständige Menschlichkeit erfahren und uns von einem beschränkten und engstirnigen Leben befreien.


Gefahren auf dem Weg

Während sie Selbstliebe kultivieren, könnten spirituell unerfahrenen Devotees den Fehler machen, ihre spirituelle Ausrichtung zu verlieren und letztendlich den zeitweiligen Körper und Geist so hinzunehmen, als seien sie das wahre Selbst. Das ist eine realistische Gefahr und wir haben sie unglücklicherweise sogar bei scheinbar erfahreneren Praktizierenden beobachtet.

Aber dieser Fehler bringt eine weitere Gefahr mit sich: den Verlust von Demut. Alle spirituellen Traditionen stimmten darüber überein, dass es uns sehr, sehr schwer fallen wird, echten spirituellen Fortschritt zu machen, wenn wir nicht bescheiden und demütig sind.

Echte Demut, die auf der Verwirklichung gründet, dass wir ewige Teile Gottes sind, ist wunderbar. Demut bedeutet, tatsächlich in einer höheren Verbindung zu leben und praktisch bei jedem Schritt Hilfe zu empfangen. Stolz trennt den spirituell Praktizierenden von Gottes Barmherzigkeit. Stolz unterbricht die Verbindung!

Wahre Demut beruht auf spiritueller Verwirklichung. Manchmal setzen Leute Demut mit einer Art schwachem Selbstwertgefühl gleich. Aber ein schwaches Selbstwertgefühl ist eine materielle Erfahrung. Solche sogenannte Demut beruht in Wahrheit auf dem falschen Ego und ist oft nichts weiter als ein Geburtsort für weitere Minderwertigkeitskomplexe und tiefer Frustration. Wir können den scheinbaren Widerspruch zwischen unserer Unvollständigkeit einerseits und unserer Göttlichkeit andererseits nur mit einem echtem spirituellem Verständnis auflösen.

Und nur mit einem echten spirituellen Verständnis können wir mit einem Herzen erfüllt von seiner göttlichen Anwesenheit zum Herrn ausrufen „Bitte rette mich!“

Nur mit einem echten spirituellen Verständnis können wir Gefühle der äußersten Wertlosigkeit mit einem gesundem Selbstwertgefühl, Geduld und Enthusiasmus in Einklang bringen.

Und nur mit einem echten spirituellen Verständnis können wir ein Leben der Selbstliebe und Selbst-Fürsorge führen, das neben einem Leben der Selbstaufopferung und dem selbstlosem Geben steht. Shrila Prabhupada war ein Experte darin, so ein Leben zu führen. Er konnte sich gut ernähren, entspannen, scherzen, und sich um seine Gesundheit kümmern durch Bewegung und Massagen, und dennoch ein Leben führen, das dazu bestimmt war, anderen zu helfen. Er reiste viele Stunden umher, schlief wenig und opferte selbstlos seine Zeit sowohl dem Schreiben als auch dem Predigen. Mit anderen Worten, echte Spiritualisten agieren oft in scheinbaren Widersprüchen. Oder, wie ein Freund mir oft sagt: echter Fortschritt geschieht durch Umkehrung. Menschen ohne ein solch spirituelles Verständnis führen oft ein unausgewogenes Leben, entweder weil sie sich für völlig nutzlos halten oder weil sie überzeugt sind, der höchste und unabhängige Herr ihres Schicksals zu sein. Aber spirituelles Leben liegt jenseits solcher materieller Dualitäten.

Lasst uns einen spirituellen Schatz betrachten, der nicht vom materiellen Geist verstanden werden kann, weil er fast so widersprüchlich scheint wie helle Nächte oder dunkle Tage. Durch diesen Schatz können wir mehr darüber erfahren, wie man in Ausgewogenheit lebt.

Ich beziehe mich auf die Erfahrung, von der große Devotees berichten, dass Trennung von Krishna ihr höchstes Glück ist.

Wenn Menschen dieser Welt von ihren Geliebten getrennt sind, fühlen sie sich elend und verlassen. Wenn Devotees jedoch von Krishna getrennt sind, verspüren sie auf unfassbare Weise seine glückselige Gegenwart in ihren Herzen. Durch die intensive Meditation über Krishna, wenn er abwesend ist, spürt ein Devotee, dass Krishna irgendwie vollständig gegenwärtig ist in seinem Herzen. Und Krishna ist gegenwärtig, da er von den hingebungsvollen Gefühlen seines Devotees angezogen wird.

Shrimati Radharani, die das höchste Vorbild für alle Devotees ist, sagt: „Wenn ich mich entscheiden sollte, ob ich mit Krishna zusammen sein, oder von ihm getrennt sein möchte, würde ich mich dafür entscheiden von ihm getrennt zu sein, denn wenn ich bei ihm bin, sehe ich ihn nur in einer Form, während, wenn ich von ihm getrennt bin, sehe ich ihn von allen Seiten auf mich zu kommen.“ In Vrindavana stellen die Devotees dieses Thema gern dar, in dem sie Shrimati Radharani in einem tiefempfundenen Gefühl der Trennung von Krishna die Bühne betreten lassen. Sie ruft einem Baum zu: „Oh mein Geliebter, wo bist du? Bist du hier?“ In diesem Augenblick tritt ein Krishna hinter dem Baum hervor. Dann wendet sich Radha in der Verrücktheit ihrer Liebe an eine Wolke: „Oh mein Herr, bist du in der Wolke?“ Und siehe da, noch ein Krishna tritt hinter der Wolke hervor. Dann geht sie auf einen Busch, die Kletterpflanzen, einen Teich, einen Pfau zu – und von überall erscheint Krishna, bis die Bühne mit Krishnas erfüllt ist. Starke Gefühle für Krishna lassen uns seine göttliche Gegenwart überall erkennen und spüren. Wir können uns das nicht wirklich vorstellen. Wir müssen es erfahren, um es wahrlich zu verstehen.

Wir mögen als nächstes fragen, was wir tun sollen, wenn wir noch nicht auf einer so hohen Ebene spirituellen Verständnisses sind, dass wir tiefe Demut praktizieren können und dennoch keine ungesunden psychischen Muster entwickeln. Die Antwort ist einfach: Wir sollten immer auf der Ebene agieren, die für uns zu einer beliebig gegebenen Zeit real ist. Bhakti ist keine Vortäuschung, es geht dabei nicht darum jemanden vorzuspielen, der wir nicht sind. Zugleich sollten wir respektvoll auf die Ideale schauen, die uns gegeben worden sind und alles tun, was uns ihnen näher bringt. Das wird uns helfen voranzukommen und unsere Begrenzungen nach außen in eine gesunde Richtung zu verlagern.

Wenn wir zu weit zu schnell vorwärts gehen, werden wir Heuchler. Und wenn wir uns weigern, Fortschritte zu machen, wenn wir uns weigern uns für unser Ziel zu bemühen, werden wir Materialisten. Wir müssen eine gesunde Balance behalten. Ist es das nicht, worum es im Leben geht? Eine gesunde Balance!

(Oktober 2007)

[1] wörtlich: „Säulen des Erfolgs“

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